23.02.2011RSS Feed

Schwerpunkt Thema Dioxin

Die Dioxinkrise ereilte den Fleischsektor und betraf nicht nur die Systempartner in der Stufe Futtermittel und die Schlachtbetriebe ganz direkt, sondern sie traf besonders hart die Landwirte und erstreckte sich bis hin zum Handel.
Wir ziehen aus dem Vorfall Konsequenzen – welche, dazu finden Sie Informationen auf dieser Seite.


QS Inspektionen Das QS-System verschärft seine Anforderungen an die Futtermittelwirtschaft. Damit zieht die Wirtschaft im QS-System ohne Zeitverzug Konsequenzen aus dem Dioxin- Vorfall. Die von den QS-Fachbeiräten beschlossenen Änderungen werden unmittelbar umgesetzt.
Die Leitfäden für die Futtermittelwirtschaft und das Futtermittelmonitoring werden entsprechend ergänzt. Ab dem 1. März 2011 gelten diese zusätzlichen Anforderungen im QS-System: Für Futterfette wird ein spezieller Kontrollplan eingeführt, der besonders Dioxin im Fokus hat. Alle Futtermittelunternehmer müssen die Warenströme für Futtermittel und anderes Material in ihren Produktionsanlagen strikt trennen. Sekundär- und Recyclingfette sowie Sammelfette (z. B. Altspeisefette) dürfen im QS-System nicht verarbeitet werden.
Mischfette/-öle und Mischfettsäuren dürfen nur in Anlagen be- und verarbeitet werden, in denen ausschließlich Lebens- und Futtermittel hergestellt werden. Stoffe, die nicht für den Lebens- und Futtermittelbereich bestimmt oder tauglich sind, dürfen nicht in denselben Anlagen verarbeitet werden.
Innerbetrieblich müssen sämtliche Informationen zur Rückverfolgbarkeit innerhalb von vier Stunden verfügbar sein. Außerdem müssen die Informationen zur Rückverfolgbarkeit elektronisch aufbereitet und übermittelt werden.
Die Sanktionen für Verstöße gegen die QSAnforderungen werden verschärft. Betriebe der Stufe Futtermittelwirtschaft können bei schwerwiegenden Verstößen sofort gesperrt werden. Neu ist auch, dass Betriebe beim Vorliegen einer Gefahrenlage nicht mehr zwei, sondern bis zu vier Wochen gesperrt werden können.
Zum 1. Juli 2011 tritt folgende Änderung in Kraft: Hersteller von Mischfetten und -ölen, die Fettsäuren und Mischfettsäuren verarbeiten, dürfen ihre Waren nur in den Verkehr bringen, wenn die Unbedenklichkeit hinsichtlich gesundheitsrelevanter Parameter durch Untersuchungsergebnisse nachgewiesen ist. Das bedeutet, dass diese speziellen Futtermittel vor ihrer Verwendung
freigeprobt werden müssen, u. a. auf Dioxine, Schwermetalle und Rückstände von Pflanzenschutzmitteln.
Zudem haben die Fachbeiräte weitere Änderungen beschlossen, deren technische Details gegenwärtig mit Experten ausgearbeitet werden. Zu folgenden Punkten werden die Fachbeiräte auf der Sitzung im Mai 2011 konkrete Beschlüsse fassen: Optimierung der Rückverfolgbarkeit durch Zuordnung der Futtermittellieferungen zu VVVO-Nummern der landwirtschaftlichen Betriebe; risikoorientierte Betrachtung weiterer kritischer Prozesse und Produkte einschließlich der Prüfung der jeweiligen Kontrollpläne; unabhängige Probenahme sowie die Optimierung der Auditqualität.
Guido Peter Siebenmorgen

Guido Peter Siebenmorgen ist bei der REWE GROUP in Köln Gruppenbereichsleiter für Frische und Produktion. Als Experte berät er QS im Fachbeirat Rind- und Kalbfleisch, Schweinefleisch zu Fragen aus dem Lebensmitteleinzelhandel.


Wie hat sich die Dioxinkrise vom Januar für Sie im LEH dargestellt?

Der jüngste Dioxin-Skandal war für die Lebensmittelwirtschaft und für den deutschen Handel leider ein Déjà-vu, denn das ist nicht der erste Futtermittelskandal. Gerade deshalb müssen nach sorgfältiger Analyse der Ursachen des Skandals die richtigen Konsequenzen gezogen werden, seitens der Politik und der betroffenen Wirtschaftsbereiche. Hier sehe ich QS in einer führenden Rolle, denn QS hat die Expertise und zudem sämtliche Beteiligten am Tisch. Es gibt erste gute und richtige Schritte, die Futtermittelproduktion transparenter und kontrollierbarer zu machen. Fette oder andere Bestandteile, die einmal aus der Lebensmittelkette raus sind, dürfen – unabhängig von der Gesetzeslage – nicht durch die Hintertür wieder hineingelangen. Der Handel hat für dieses von ihm nicht verursachte Problem einen hohen Preis gezahlt, weil unsere Kunden Angst hatten, Eier und Fleisch zu kaufen. Zeitlich versetzt erreichte diese Kaufzurückhaltung dann auch die übrigen Produktionsstufen. Wenn wir nicht rasch und angemessen reagieren, dann gerät das Thema immer mehr zum parteipolitischen Spielball, vor allem aber laufen wir Gefahr, dass die Lebensmittelbranche nachhaltig an Image beim Verbraucher verliert.

Wie funktionierte die Krisenbewältigung auch mit den Zulieferern aus Ihrer Sicht?
In der Rückschau bin ich mit der Krisenbewältigung nicht durchgängig zufrieden. Einige Informationen kamen erst zeitversetzt und schufen nicht immer die notwendige Klarheit. In einzelnen Fällen fehlte auch die konsequente Koordination der Behörden und der Qualitätssicherungssysteme untereinander. Das ist in Anbetracht der enormen Komplexität und der Warenströme auch nicht weiter verwunderlich. Die jüngste Dioxin-Krise hat uns allen den Spiegel vorgehalten und gezeigt, dass wir uns noch besser auf Krisensituationen vorbereiten können. Das ist die große Chance der Dioxin-Krise, die ohne Frage ein Skandal, rein wissenschaftlich
aber keine Krise war, wohl aber von einigen Medien dazu gemacht wurde. Anhand der aktuellen medialen Fieberkurve können wir gut ermessen, wie diese verläuft, wenn es eine echte Krise mit akuter Gefahr und daraus resultierend mit Rückrufen gibt.
Wie werten Sie die Rolle von QS im Krisengeschehen?
Die Dioxin-Krise hat uns deutlich gezeigt, wie wichtig die stufenübergreifenden Qualitätssicherungssysteme der Wirtschaft sind. Sie hat
aber auch ganz klar gezeigt, dass wir das sich daraus ergebende Potenzial bei weitem nicht ausschöpfen. Daran müssen wir konsequent weiter arbeiten. Wir müssen das Vertrauen der Kunden in das QS-System weiter stärken. Dazu gehört auch eine offene und verständliche Außendarstellung in der Krise. Auch in diesem Punkt sind wir auf einem sehr guten Weg.
22. Dezember 2010: Vom Mischfuttermittelhersteller Wulfa Mast GmbH aus Dinklage erhält QS eine Ereignisfallmeldung: Bei zwei
Legehennenfutterproben waren die Dioxiongrenzwerte überschritten. Sofort beginnt QS mit Nachforschungen zur Verunreinigungsquelle.
27. Dezember 2010: Der Hersteller von Futterfetten Harles & Jentzsch aus Uetersen meldet einen erhöhten Dioxingehalt einer Probe vom 11. November 2010. QS fordert umgehend weitere Informationen zur Analyse und zu den Lieferströmen ein. Das Futterfett ist Quelle der Kontamination bei Wulfa Mast.
28. Dezember 2010: Die Ursachenforschung steht bei QS auch nach Eingang der schriftlichen Ereignisfallmeldung am 28. Dezember weiter im Vordergrund. Nach Auskunft des Herstellers und nach Einschätzung von Behörden und Experten handelt es sich um ein einmaliges Ereignis.
3. Januar 2011: QS erhält von Harles & Jentzsch eine Liste der von ihm belieferten 24 Mischfutterhersteller, die alle unmitelbar aufgefordert werden, ihre Lieferströme gegenüber QS offenzulegen. Das Niedersächsische Landwirtschaftsministerium sperrt vorsorglich etwa 1.000 landwirtschaftliche Betriebe.
4. Januar 2011: QS verfolgt die Lieferwege möglicherweise belasteter Futtermittel, um betroffene landwirtschaftliche Betriebe frühzeitig
zu identifizieren und nicht betroffene schnellstmöglich entlasten zu können. Harles & Jentzsch wird nach einem Sonderaudit für die Lieferung ins QS-System gesperrt.
6. Januar 2011: Das Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) führt eine Risiokountersuchung der belieferten Betriebe in Niedersachsen durch. Dazu steuert QS die Ergebnisse aus dem Futtermittelmonitoring bei. Auf Grundlage dieser Untersuchung werden die Betriebe in Risikogruppen eingeteilt.
10. Januar 2011: In QS sind nur noch 330 Betriebe in Niedersachsen gesperrt. Es liegen weiter keine Anhaltspunkt für dioxinbelastetes
Fleisch im QS-System vor. In den folgenden Tagen kann die Zahl der gesperrten Betriebe konsequent weiter gesenkt werden. Zwei weitere Vorfälle verhindern aber eine Entspannung der Situation:
Am 11. Januar meldet der Kreis Verden Dioxin-Grenzwertüberschreitungen bei Probeschlachtungen eines Schweinemastbetriebes. QS kann den Fall sofort eingrenzen. Die neun betroffenen landwirtschaftlichen Betriebe im QS-System werden vorsorglich gesperrt. In den LEH ist keine Ware gelangt.
Am 15. Januar berichten die Medien, dass der Mischfutterhersteller LBG Damme seine Lieferbeziehung zu 934 landwirtschaftlichen Betrieben den Behörden nicht mitgeteilt hat. QS veranlasst in der Folge mehrere Sonderaudits bei Mischfutterunternehmen, um sich
Klarheit über die Situation zu verschaffen. Kontiunierlich arbeitet QS an der Entsperrung der Betriebe.
Erste Konsequenzen im QS-System aus dem aktuellen Vorfall stehen bereits fest (Siehe dazu Dioxin-Vorfall: QS verschärft Anforderungen – für mehr Futtermittelsicherheit)

Ein Systempartner deckt die Dioxin Verunreinigung auf:
Das System funktioniert. Die Belastung wird entdeckt und sofort QS und den Behörden gemeldet.
Schnelle Eingrenzung:
Mit Daten aus dem Futtermittelmonitoring leistet QS einen Beitrag zu Risikobewertung. Durch die Rückverfolgbarkeit im QS-System lässt sich der Kreis betroffener Landwirte stark eingrenzen.
Sachliche Information:
Mit stufenübergreifender Information leistet QS einen Beitrag zu Klarheit und Aufklärung. Der QS-Krisenmanagementstab mit Wirtschaftsvertretern aller Stufen tagt häufig und wird laufend informiert, Systempartner betroff ener Stufen erhalten teils mehrmals
tägliche Updates per E-Mail. Gezielte Presse- und Öff entlichkeitsarbeit auf der QS-Website, der Verbraucherwebsite und im Austausch mit den Medien (Pressemeldungen, Interviews, Beantwortung aller Anfragen von Presse, Systempartnern und Verbrauchern).
Sachverhaltsaufklärung:
QS handelt konsequent durch ein sofortiges Sonderaudit bei der Harles & Jentzsch GmbH, später durch ein sofortiges Sonderaudit bei der Landwirtschaftlichen Bezugsgenossenschaft eG Damme sowie durch weitere Sonderaudits in Unternehmen der Mischfuttermittelwirtschaft. Zudem überprüft QS die Zertifizierungsstelle und die Zertifizierung nach GMP+-Standard.
Sanktionierung:
Gegen Harles & Jentzsch wurde ein Sanktionsverfahren eingeleitet und daraus resultierend die außerordentliche Kündigung ausgesprochen. Gegenüber Mischfuttermittelherstellern wurden ebenfalls Sanktionsverfahren eingeleitet.

QS leistete mit all diesen Schritten einen schnellen Beitrag zur Schadensbegrenzung.
Dioxin ist ein Sammelbegriff für polychlorierte Biphenyle (PCB). Seit 1989 ist deren industrieller Einsatz in Deutschland verboten. Dioxin
entsteht allerdings auch als nebenprodukt bei Verbrennungsprozessen (z. B. in Anlagen der Metallindustrie, in Müllverbrennungsanlagen
und privaten Kaminen). Über die Umwelt gelangt es hauptsächlich über das Futter in Lebensmittel (Fleisch, Milch, Eier, Fisch). Je länger Tiere einer Dioxin-Quelle ausgesetzt sind, desto größer sind die Mengen, die sich in ihren Körpern anreichern. Da sich Dioxin im Fettgewebe ansammelt, hängt der Gehalt der Verbindungen im Organismus außerdem vom Fettanteil des Tieres ab. Im Fettgewebe
von Tier und Mensch kann Dioxin unter anderem das Immunsystem und das zentrale Nervensystem schädigen. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hat aufgrund verschiedener Monitoring-Programme im Allgemeinen eine Abnahme der Dioxinbelastung der Bevölkerung in den letzten Jahren festgestellt.

Stimmen zum Vorfall von Systempartnern:

Peter Kruse Unser Betrieb war vom Veterinäramt und von QS zur Lieferung ins QS-System vorübergehend gesperrt. Das ist natürlich erst mal schlimm, zumal wir zwar betroffen aber völlig ohne Schuld waren. Bei uns machte sich große Verunsicherung breit: Was haben wir da gefüttert? In diesen Moment haben wir uns natürlich gefragt: Wo bleibt die Unterstützung von Seiten der QS. Langfristig gesehen stehen wir jedoch hinter dem System aus neutraler und Eigenkontrolle.
Christian Schulze Bremer Unser Hof war nicht von Sperrung betroffen. Trotzdem haben wir von vielen Seiten kritische Nachfragen erhalten. Es ist schon empörend, wie das kriminelle Vorgehen eines Futtermittellieferanten solches Ausmaß an Krise bewirken kann. Das macht mich als Schweinehalter natürlich nachdenklich. Aber ich bin gerade deshalb froh, bei QS mitzumachen – schließlich sind es genau diese Eigenkontrollen, in denen die Dioxinbelastungen entdeckt wurden und die der gesamten Kette letztlich mehr Sicherheit bringen.
Gereon Schulze Althoff Der Informationsbedarf von VION Kunden aus dem In- und Ausland war nach Ausweitung der vorsorglichen Sperren auf den Schweinebereich sehr groß. In den ersten Tagen hat VION mehrere hundert Stellungnahmen zu Kunden versandt. Oberstes Ziel ist dabei, unsere Kunden optimal über den aktuellen Sachstand zu informieren um Ihnen eine möglichst fundierte Grundlage für ihre manchmal schwierigen Entscheidungen zu bieten.
Dabei haben wir auf dem deutschen Markt in dieser Krise eine sehr besonnene Reaktion des Lebensmitteleinzelhandels erlebt. Voreilige Reaktionen konnten durch eine transparente Kommunikation in der Kette verhindert werden. Die Krise hat wieder einmal verdeutlicht wie wichtig Qualitätssicherungsysteme und wie abhängig die einzelnen Produktionsstufen voneinander sind. Wiederholt hatte eine Krise ihren Ursprung in einem kriminellen Handeln auf Ebene der Futtermittelproduktion. Hier müssen nun Maßnahmen getroffen werden um die Systeme sicherer zu machen. Konkrete Vorschläge liegen auf dem Tisch. Neben Verschärfungen des QS-Systems für den Futtermittelbereich ist die Futtermittelwirtschaft hier gefordert, ihre Lieferantenmanagementsysteme genauso wie die Versicherung ihrer Produkthaftung zu verbessern.

Noch mehr Informationen finden Sie auf unserer Sonderseite zum Dioxinvorfall im Mediencenter.


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