Landwirtschaft in der Senkrechten

22.02.2021 | Verbraucher

Landwirtschaft in der Senkrechten

Vertical Farming
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Wenn Gemüse und Obst auf wenigen Quadratmetern, dabei aber in mehreren Etagen übereinander wachsen, nennt man das vertical farming, also vertikale Landwirtschaft.

Lebensmittel kommerziell auf engem Raum oder in Städten erzeugen? Ist das eine Vision der Forschung oder schon der Obst- und Gemüseanbau von morgen? Kurz gesagt: Diese Form der Landwirtschaft ist keine Utopie. Vertikale Farmen existieren bereits in der Realität, auch bei uns.


Die für die Landwirtschaft nutzbare Fläche nimmt kontinuierlich ab. Beispielsweise durch die Nutzung als Siedlungs-, Gewerbe oder Verkehrsflächen. Extreme Wetterlagen wie Starkregen oder Dürre nehmen andererseits ständig zu und sorgen für sinkende Ernteerträge. Die vertikale Landwirtschaft könnte dieses Problem mildern. Sie erzeugt auf geringer Fläche große Mengen an frischem Obst und Gemüse, indem der Anbau in die Senkrechte verlegt wird, auf mehrere Ebenen übereinander.


Digitale Technik für mehr Ertrag

Der wesentliche Aspekt in der vertikalen Landwirtschaft: sogar inmitten von Städten kann man frische Lebensmittel produzieren, indem man in der Senkrechten anbaut. Geerntet wird ganzjährig – dank digitaler Technik: Die 24-stündige Beleuchtung mit LED-Lampen wird ebenso digital kontrolliert, wie die Klimasteuerung, die stets für die optimale Temperatur im Raum sorgt. Moderne Verfahren wie Aeroponik (der Einsatz von Sprühnebeln) lassen die angebauten Pflanzen dank optimaler Feuchtigkeit prächtig gedeihen. Nur wachsen sie nicht in Erde, sondern auf wiederverwendbaren Netzen aus recyceltem Kunststoff. Über ein computergesteuertes Kreislaufsystem werden sie mit Wasser und Nährstoffen versorgt.

Auf diese Weise und dank des Anbaus auf vielen Etagen, soll z.B. die größte Vertical Farm der nahen Zukunft, Crop One in Dubai, bis zu 3000 kg Gemüse pro Tag produzieren können. Der aktuelle Rekordhalter, eine Vertical Farm in New Jersey, USA, produziert auf 6.500 Quadratmetern jährlich mehr als 900 Tonnen Gemüse. Bezogen auf einen Quadratmeter Grundfläche ist der Ertrag laut Angabe des Betreibers rund 350-mal so hoch wie im herkömmlichen Feldanbau.


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Mehr Nachhaltigkeit als Nebeneffekt

Aber auch bei der Ressourcenschonung kann sich die vertikale Landwirtschaft sehen lassen. Der Wasserverbrauch beträgt lediglich fünf bis zehn Prozent des bisherigen Verbrauchs. Hinzu kommt, dass keine Pflanzenschutzmittel erforderlich sind, da in den geschlossenen Systemen weder Schädlinge noch Krankheiten vorkommen. Positiv auch, dass man mit ca. 75 Prozent weniger Dünger auskommt als sonst üblich.

Die Idee hat – wenn auch im buchstäblich kleinen Maßstab – bereits ihren Weg nach Deutschland gefunden. Ein Berliner Unternehmen hat vertikale Farmen in die Gemüseabteilung von Supermärkten verlegt. In rund zwei Meter hohen Glasvitrinen mit LED-Licht und eigener Wasserversorgung, digital kontrolliert und gesteuert aus der Berliner Zentrale. Das frisch geerntete Gemüse wird dann im Supermarkt direkt zum Verkauf angeboten. Dieses Geschäftsmodell ist so vielversprechend, dass mithilfe einer Startup-Finanzierung von 170 Millionen US-Dollar für das Berliner Unternehmen hieraus gerade das weltgrößte Vertical-Farming-Netzwerk aufgebaut werden soll.

Auch für den privaten Einsatz gibt es bereits Anwendungen, die mit smarter Beleuchtung, einer sensorbasierten Klimasteuerung und automatischer Bewässerung ganzjähriges Ernten, und verpackungsfreie, nährstoffreiche Produkte versprechen.


Gibt es einen Haken?

Natürlich stellt sich die Frage: Wenn so viel positives Potenzial darin steckt, warum gibt es nicht schon mehr vertikale Farmen? Der hohe Stromverbrauch durch die 24-stündige Beleuchtung mit vielen LED-Lampen treibt die Kosten in die Höhe. Gleichzeitig können die Betreiber dafür sorgen, dass die Ökobilanz durch die Nutzung von Strom aus erneuerbaren Energien positiv ausfällt. Zudem sind für vertikale Farmen hohe Investitionskosten in Gebäude und Technik nötig, was die Methode in Europa derzeit noch nicht rentabel macht. Die meisten saisonalen Produkte können im herkömmlichen, günstigeren Anbau – gleich, ob Freiland oder im Gewächshaus – aktuell noch deutlich kostengünstiger produziert werden. 

So kann die vertikale die herkömmliche Landwirtschaft vorerst nicht ersetzen, sondern nur ergänzen, öffnet aber spannende Perspektiven für die Zukunft.


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